11. September 2001 - Die Fassungslosigkeit
Am 11. September 2001, um kurz nach 16 Uhr MEZ, habe ich etwas gesehen, das ich noch nie zuvor gesehen hatte: Der Sprecher der Tagesschau war sprachlos. Mehr noch - er war fassungslos.
(Dabei war es doch ein Wickert, Ulrich!)
Es war ein so außergewöhnlicher, ein so kostbarer weil einzig-artiger Moment, daß ich ihn hier festhalten und mitteilen muss Der Moment einer authentischen Kommunikation im Fernsehen. Und ich gesteh's besser gleich: Ich habe es genossen. Ja, genossen die Fassungslosigkeit. Ich weiß nicht, wem ich dafür dankbar sein soll, ich schiebe es mal Gott in die Schuhe und sage: Gott sei Dank, daß es so etwas noch gibt, so etwas wie authentische echte unverfälschte ungestellte ungeschminkte Kommunikation. Im Fernsehen. Nach einer Erschütterung eine erschütterte Nachrichtensendung zu erleben.
Die sonst alles Weltgeschehen, Bilder Blitz Krieg Katastrophe Massaker und Kantersieg, Intrigen am Hofe mit derselben unerschütterlichen Ruhe und derselben ruhig artikulierten Setzung von Subjekt Prädikat Objekt vortragen, mal groß konturiert, sonor-maskulin, mal flapsig fesch und feminin, mal ausgesprochen migrationshintergründig, voll der Verständigungsbereitschaft und ausnehmend hübsch anzustarren, die eine & die andere Dauerwelle mal über der einen, mal über der anderen Schulter nach vorne, nach vorne, nach vorne gelegt... und immer so weiter in ein & derselben Haltung, ein & demselben Tonfall der Neon-Neutralität queer Beet durch das bunte wie blutige wie blumige Weltgeschehen: Sie waren jetzt außer Rand und Band geraten - sie waren fassungslos.
Es ging so eine ganze nachrichtendienstliche Sendung lang. Gestammel, Improvisation. Das Ringen um Fassung live. Die Sprachlosigkeit. Vielleicht geht das nur nach einer Ersfchütterung, die alle bisherigen Erschütteruungen übertrifft. Und ich fragte mich selbst erschüttert: Welches Ereignis aus der Themenschublade Anschlag/Verbrechen/Massaker kann das wohl noch toppen, übertreffen und eine ähnliche Fassungslosigkeit hervorrufen.
Wochen später hat man dann auf der Mainzer Medien-Moguln-Tagung unter den Moguln und ihren Beiräten festgestellt, daß der TV-Rahmen in jenem Moment gesprengt war. Der Rahmen des Vorstellbaren und täglich Absehbaren: gesprengt.
Die täglich fest stehende Medien-Moguln-Packung. Das NEWS. Das zu den hereinflutenden Bildern stante pedes Abrufbare. Die flotte Fassung. Die telegene Nachricht von Schutt & Asche. Alles im Eimer.
Denn wie täglich von Entsetzen blank gewienerte Gewehre, die durch Bilder nurmehr durchgeladen und entsichert werden, stehen passende Meldungen in guter Verfassung parat. Subjekt Prädikat Objekt. Ein Punkt, eine Pause. Das Anheben des Blicks, der Stimme. Das Thema. Die Person. Die betonte Sachlichkeit des Augenblicks. Stehen da bei Fuß wie dressierte Hunde. Stehen in Gewahrsam. An der Leine. Und nun war mit einem Schlag dieses ganze Meldugs-Arsenal weggepustet.
Dafür gab es keine "frames". Das sind die kleinen diapositiven Rähmchen, wie man sie um Urlaubs-Fotos, Selfies und sowas zieht, damit die Dinger auch in den Overhead-Projektor, also in den Kopf passen. Diese vorgestanzten genormten Einfassungen packen und fassen gewöhnlich die Nachrichtenflut, binden sie in einen Themarahmen und in die Themarahmsprache. So entsteht, was als NEWS auf den Tag projiziert wird. Es ist eine fleischig dunkle Themen-Soße, gegossen über das wässrige Püree der massenmedial genormten Auffassungsgabe.
Moguln, Medien, Mokka und Medina: fassungslos. Welch ein wunderbares Erlebnis! Ich sage Danke, Dankeschön Fernsehen. Und sage: Wenn es doch immer so wäre, so authentisch, sagen wir mal: daß Fassungslosigkeit hergestellt würde angesichts des Unfassbaren.
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