1. Mai - eine Eloge aus Weimar

Den 1 Mai feiern wir, minne Frouwe und ich, in Erinnerung an vergangene Freuden und Feste. Wir setzen uns auf den Balkon in die Sonne. Über uns im Geäst turnt und tönt der Zilpzalp. Die Mönchsgrasmücke ist auch da. Der Grünspecht meckert seine Strophe. Meine Frau erzählt mir - nicht zum ersten Mal - die Geschichten von den Maifeiern in Halle an der Saale. Wie sie alle zusammenströmen, die großen Werke VEB, die einzelnen Abteilungen. Die fröhliche Stimmung. Das Winken der Elemente. Ganz im Gegensatz zur offiziellen Nachwende-Geschichtsschreibung, da war nämlich alles gedrückt, gegängelt, missmutig - und so steht es ewig und drei Tage in den Schulbüchern. Ich höre zu. Dann kommt meine Strophe als 1. Maischluckspecht. Ich nehme den ersten Maischluck zu mir. Und was jetzt folgt, könnt ihr Zug um Zug zu euch nehmen. Bis die Flasche leer getrunken und die Geschichte leer erzählt ist. Das Maigefühl, Frau, ist zwar wie eh und je das saisonale Hochgefühl schlechthin, doch hat ein Pollenfluch die Masse Mensch ergriffen und übt erbarmungslos seine Macht aus. Man hört bloß noch Geschneuz. Verwünschungen wie "Scheiß Birken!" machen die Runde. Das Gebläse trifft auch andere Blüher. Weiden, Linden, Sträucher sind zu Heckenschützen geworden, Snipers in einem Krieg um Lufthoheit. Dennoch glaubt man nach wie vor fest daran, daß die Luft den Menschen gehört - Open Air. Nicht umgekehrt! Auch beim Singen des schönsten aller Maienlieder stockt die Stimme: "Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus...". Ja, da soll mich doch der Schlag treffen! Das Ausschlagen und Nachtreten der Bäume kommt garnicht gut an. Statt sich mit dem einen Schlag, dem einen Treffer, dem ultimativen Hit zufrieden zu geben, wollen auch die Bäume einen Nachschlag, holen und schlagen immer weiter aus, schlagen zu, landen Schwinger auf Schwinger, am liebsten im Gesicht, am Kopf der Menschen. Und wenn sie mal keinen Treffer landen können, weil das Gesicht des Menschen im Wald und auf der Heide schon vollgepickelt und gepixelt ist, geben die verfluchten Bäume ihren Ausschlag an sich selbst ab, haben Rotlauf, werden von Pilzen, von Krabbeltierchen befallen. Schädlinge! Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. So ist aus den meisten schönen Maienliedern längst ein Spottlied geworden. Ich feiere diesen 1. Mai auch in Erinnerung an all die Arschgesichter, die mir zu sämtlichen Maifeiertagen des Lebens auf dem feierlich hergerichteten Marktplatz begegnet sind und ihre Mairede geschwungen haben. Die Gewerkschaftsfritzen, die Bonzen, die Betriebsräte, das Politbüro der Sozen und Rotsocken, die Nelkenbubis, Betriebsräte, Streikbeschwörer. Die notorischen Ausländervertreter der Belegschaften, die immer zuletzt, am Ende des Gesülzes, ganz aufgedreht ihren Senf dazutun durften. Ach, was wurde da getönt! Und Einigkeit demonstriert. Gottseidank gab's am Rande des Geschehens stets eine Bierbude für die durstig gebliebene Seele. Und dann die eine Strophe der Internationale. Ja, die wo es heißt: "In Stadt und Land, ihr Arbeitsleute / wir sind die stärkste der Partei'n. / Die Müßiggänger schiebt beiseite / Diese Welt muss unser sein! / Unser Blut sei nicht mehr der Raben / und der nächt'gen Geier Fraß...". Das geht mir heute nicht aus dem Kopf. Den Blödsinn habe ich mitgesungen... beiseite schieben... nächt'ge Geier. Mitgesungen Ende der 1960er Jahre im Sauerland, später in Wetzlar an der Lahn, und noch bis Mitte der 1970er Jahre in Göttingen an der Leine. Dazu eine Prollo-Faust in die Luft gereckt. Denn an Prollo und seinesgleichen sollte man glauben. Dabei bin ich mein Leben lang der Arbeit, die wir heute feiern, so gut es eben ging ausgewichen und war wohl eher arbeitsscheu als fleißig. Im Übrigen gibt es für uns zwei heute einen Ausflug ins Maigrün. Eine Thüringer Bratwurst vom Rost. Ein Glas Maibowle (gerne auch zweie) am späteren Tag. Hausgemacht. Mit Waldmeister, der, so will ich es glauben, unter ausschlagenden Bäumen, also unter Gefahr für Leib und Leben gesammelt wurde. "Denn...", so heißt es in einem von Schillers blödsinnigsten Gedichten (Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd!): "Denn setzet ihr nicht das Leben ein / Nie wird euch das Leben gewonnen sein." P.S. Vergesst nicht, am 2. i den Blödsinn vom 1. Mai zu entsorgen!

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Drei Kurze zum Tag der Deutschen Einheit

Megiddo im Schwarzatal

Dem Lesch sein Kosmos! - Ein Psychogramm -