Hülsebuschs Mega Gaga Super Tarot
Karte Eins Der Ernst der Lage
Der Ernst derLage ist eine Tarotkarte, die's wirklich gibt.
Hier ist sie, ich leg' sie euch vor.
Ist es noch wichtig zu wissen, woher man kommt, die Wurzeln und so... wenn
es doch wichtiger ist, von da, wo man eben noch oder früher, früher einmal war,
wegzukommen, abzuhauen, zu machen, daß man fortkommt? Ohne gleich wieder Wurzeln
zu schlagen. Wurzeln. Denn das Wurzeln, egal wo, ist ganz schön gefährlich
geworden. So war das Tarot bis heute. Es beantwortete Bewegungsfragen der
ausgeklügelten Lebensführung: Woher komme ich - Wo stehe ich - Wohin gehe ich?
Und werde ich da ein Bleiberecht haben? Gar eine Bleibeperspektive?
Ich. Ich. Ich. Dreimal vermaledeites Ich-Gedöns. Ich zähle. Ich bin mir wichtig.
Me too.Live matters. Ja, aber was ist dieses Mattern? Mattern... das fällt ins Gewicht,
das braucht Licht, Luft, Energie. Vor allem braucht es mal eine Pause.
Damalshatte ich mich der Dromologie verschrieben, in China, in den 80er Jahren, als
ich dort lebte. In Kanton, am Perlfluss, am Fuß der Weiße Wolken Berge Baiyun
Shan.
Und manchmal, wenn ich nicht unterwegs war, in der Stadt, auf Reisen, und
wenn kein Besuch kam, um zu plaudern, einen zu trinken, dann holte ich die
Tarotkarten hervor. Das entspannt, das macht schläfrig.
Dromologie. Regungs- und Bewegungskunde. Kenntnis der Orte. Der Weg. Wegweiser.
Das Tao. Der ganze Weg. Ich habe ihn ausgelegt, ausgelebt, und manchmal habe ich die Karten
dazugelegt.
Das war der Plan: Den Zufall ins Spiel bringen. Die Assoziation.
Dafür ist das Tarot gut. Die Karten sollten mir ja nichts Festliegendes
offenbaren, ein Schicksal, Verdammnis, Bright Future. Nichts von all dem
esoterischen Schnickschnack.
Sie sollten mich vielmehr auf etwas noch nicht Festgestelltes bringen,
und ich wollte das, was sie mir brachten, auch nicht haben, in Besitz nehmen, selber nicht feststellen, festnageln auf irgendeine eigentiefere Bedeutung. Ich wollte es gleich wieder sausen lassen. Und fortfahren.
Nächster Abend, nächste Karte, nächste Welt-Ecke. Und da! Ein Umweg, ein Abweg.
- Nichts wie hin! So ist ein Tarot entstanden, ich weiß nicht, ob es
eigentümlich ist, also meins, mein Tarot, ich-ich-ich. Will's auch nicht wissen,
egal.
Damals bin ich viel herumgekommen. Ganz China sollte es sein, vor allem
der Westen, Südwesten, Yunnan, Tibet, Uigurien. Und die Südliche Barbarei. In
allen diesen Gegenden, auf dem Land, auch in den großen Städten - kam China mir
mit zwei Eigentümlichkeiten zuvor. Erstens: Die Kinetik. Was ich damals
Dromologie genannt habe, in der Fahrspur von Paul Virilio. Und zweitens: Das
tellurische China. China, das am Boden, vom Boden lebte, auf dem Boden als
seiner Grundlage kauerte, hockte, wirtschaftete, seine Notdürftigkeiten
verrichtete und palaverte. Bevor es in die Höhe schoss zu einer Schwindel
erregenden Türmung. Man könnte statt tellurisches China auch terrestrisches
China sagen, der Boden wäre derselbe.
The Bottom Line - eine Horizontale. Manchmal bebte der Boden. Irgendwo in China
war immer Erdbeben. Dennoch trug der Boden alles. Das ganze Konzept.
Die Chinesen könnten nie die Bodenhaftung verlieren, dachte ich.
Aber was haben die Tarotkarten, was hat das Karten-Tao
mit diesen beiden Eigentümlichkeiten des damaligen China zu tun?
Ich glaube, die Karten bewegen mich bloß zum Fortkommen. Warum bloß? Und warum "bloß", wenn das
Fortkommen ihr eigentümlicher Beweggrund ist, oder meiner. Bloß fort, raus aus
dieser Geschichte, rein in eine andere, eine die sich zufällig anschließt, und
die von ihrem Anschluss jetzt noch nichts ahnt. So wenig wie ich.
Denn in diesem Moment, wo die Erde aller Lebewesen an allen Welt-Ecken und Enden im Wasser
versinkt, im Feuer verbrennt, zu Steppe, zu Wüste wird - in diesem Moment ändert
sich an der Art und Weise, Geschichten zu erzählen, alles. Lebensgeschichten,
politische Geschichten, Schnullikramgeschichten mit dem obligaten Schuss
Liebespulver, Koksgeschichten... weiß der Teufel.
So wie sich auch an der Art und Weise, politisch zu sprechen, alles, aber auch restlos alles ändern muss.
Das war ein Zitat aus Bruno Latour, Kampf um Gaia (S. 16).
Daß er um Gaia kämpfen will, ist schön - um nicht zu sagen: nett. Aber will Gaia auch um
ihn...? Kämpfen, Fragezeichen?
Ihr seht schon, die ihr mein Tarotspiel lest: ich kämpfe nicht mehr so doll, nicht mal ums Überleben. Ums Überlegen nicht, und ums Überlegensein schon mal garnicht.
Ich kämpfe hier, wenn überhaupt, bloß um das Fortkommen.
Hau ab, alter Sausack! Ruft Gaia mir zu. Diesen Zuruf finde ich
nett. Ich nehme ihn als Gestaltungsauftrag weiterer Geschichten dankbar
entgegen. Und mache mich auf die Suche. Was war es gleich? Ach ja, diese andere
Art und Weise...
Drei Kurze zum Tag der Deutschen Einheit
1 Wenn gesalbte Redner heute wieder das Wort ergreifen, um ihr Ergriffensein vom eigenen Wort in die Menge zu tragen, sei daran erinnert, daß es tatsächlich nur drei Erzählungen gibt, die unerschütterlich feststehen. Erstens: In München steht ein Hofbräuhaus. Zweitens: In Berlin steht eine Brandmauer. Drittens: Vor der Kaserne steht Lilli Marleen und teilt den Wehrhaften frischen Wehrmut zu. 2 In der DDR gab´s keine Nagelknipser. Wer Wurstfinger hatte, die nicht in die Nagelscherchen reinpassen wollten, wurde zum Nägelbeißer. Viele DDR-Lebenskünstler waren sogar imstande, sich ihre Zehen in den Mund zu stecken, um die Fußnägel kurzzuknabbern. Kleingärtner griffen auch zu Strauch- und Heckenscheren. Dabei ging allerdings manche Fingerspitze mit ab. Zuletzt fehlte der DDR komplett das Fingerspitzengefühl, das die Bundesrepublik so reich auf ihrer Seite wusste. Der Osten musste aufgeben. 3 Norbert Müller, begnadeter Komponist der Evergreens "Lilli Marleen","Führer befiehl...
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