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Dieses Lied:
Krieg ist Musik in meinen Ohren
Draußen vor dem Fenster meiner Kinderstube stand ein Kastanienbaum, er grüßte herein und behütete mein Krabbeln und Brabbeln im Laufstall. Als ich im Herbst 1950 drei Jahre alt wurde, ging ich raus, sammelte Kastanien ein und sah zu, wie sie nach und nach verschrumpelten. Abends kam die Mutter ans Bett, erzählte eine Geschichte oder sang ein Lied. Die Geschichten habe ich längst vergessen, die Lieder nicht, sie klingen bis heute.
Das nennt man Resonanz. Es ist ein Widerhall, und ein Widerhall ist etwas Gegenläufiges, gegenläufig zur Sprachrichtung. Er steigt den bloßen Worten entgegen aus dem Inneren auf und kommt über Kehlkopf und Stimmritze auf die Zunge, zuletzt über die Lippen, dann an ein Ohr, und von da geht's ein in den Klangkörper, in sein Gedächtnis.
Von den Abendliedern der Mutter hat mich eins sofort fasziniert, da klang nämlich Krieg an, Verwüstung: Maikäfer flieg // Dein Vater ist im Krieg // Deine Mutter ist in Pommernland // Pommernland ist abgebrannt // Maikäfer flieg.
Kinderlied. Kriegslied. Volkslied.
Und im Kindergarten: Fuchs, du hast die Gans gestohlen // Gib' sie wieder her // Sonst wird dich der Jäger holen // Mit dem Schießge-we-he-her...
Das Schießgewehr. Es hat mich gleich getroffen. Später hat sich ein Wort dazugeladen wie eine Patrone in den Lauf des Lebens: Schießprügel.
Das Leben. Eine gottverdammte Schießprügelei.
Und die Mutter aller Schießprügel: Die USA. Sie hat mir das Nachkriegslied gesungen.
Das ist die Resonanz. Deshalb singe ich: Krieg ist Musik in meinen Ohren. Sonst hätte ich diese Geschichte längst vergessen.
Drei Kurze zum Tag der Deutschen Einheit
1 Wenn gesalbte Redner heute wieder das Wort ergreifen, um ihr Ergriffensein vom eigenen Wort in die Menge zu tragen, sei daran erinnert, daß es tatsächlich nur drei Erzählungen gibt, die unerschütterlich feststehen. Erstens: In München steht ein Hofbräuhaus. Zweitens: In Berlin steht eine Brandmauer. Drittens: Vor der Kaserne steht Lilli Marleen und teilt den Wehrhaften frischen Wehrmut zu. 2 In der DDR gab´s keine Nagelknipser. Wer Wurstfinger hatte, die nicht in die Nagelscherchen reinpassen wollten, wurde zum Nägelbeißer. Viele DDR-Lebenskünstler waren sogar imstande, sich ihre Zehen in den Mund zu stecken, um die Fußnägel kurzzuknabbern. Kleingärtner griffen auch zu Strauch- und Heckenscheren. Dabei ging allerdings manche Fingerspitze mit ab. Zuletzt fehlte der DDR komplett das Fingerspitzengefühl, das die Bundesrepublik so reich auf ihrer Seite wusste. Der Osten musste aufgeben. 3 Norbert Müller, begnadeter Komponist der Evergreens "Lilli Marleen","Führer befiehl...
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